Prohibition in den USA

Makel und Mythos - die Prohibition in den Vereinigten Staaten

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„Der Teufel hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben…“ Als Udo Jürgens im September 1973 mit diesem Schlager die Hitparaden stürmte, hatten die Amerikaner ihre sogenannte Prohibition bereits seit vierzig Jahre hinter sich. Prohibition – es war das Wort für ein Verbot, das in den Vereinigten Staaten den Genuss von alkoholischen Getränken aller Art unter Strafe stellte.

Was ist die Prohibition?

  • Die Prohibition in den USA war das landesweite Verbot der Herstellung, des Transport und des Verkaufs von Alkohol.
  • Sie wurde über den 18. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten geregelt.
  • Das Verbot war von 1920 bis 1933 insgesamt 13 Jahre gültig.
  • Die Prohibition wurde auch als „The Noble Experiment“ bezeichnet.
  • In der allgemeinen Definition bezeichnet Prohibition das Verbot bestimmter Drogen.

Wie kam es zur Prohibition?

Die Verfechter des 18. Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung waren von der Überzeugung beseelt, dass ein striktes Alkoholverbot die Menschen in ihrem Lande moralisch und körperlich auf einen besseren Weg führen werde.

Zwar waren sich die Abgeordneten des Repräsentantenhauses und des Senats nicht sicher, dass es sich dabei um den Pfad der Tugend handeln könnte, doch sie versprachen sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und einer bedrohlichen Lebensmittelknappheit mit diesem „Volstead-Gesetz“ unter anderem ein harmonischeres Familienleben.

Wechsel in der Präsidentschaft der USA

Die Vereinigten Staaten von Amerika befanden sich im Jahr 1919 faktisch noch in einem Kriegszustand, denn der Kongress konnte sich nicht dazu durchringen, den Vertrag von Versailles, der den Völkerbund begründete und den Ersten Weltkrieg auf der Ebene des Völkerrechts beendete, zu ratifizieren.

Statt dessen schlossen sie mit Deutschland zwei Jahre später in Berlin einen Separatfrieden, in dem im Gegensatz zum Versailler Vertrag die Feststellung von Reparationen und Schadensersatzforderungen gegen den Kriegsgegner Deutschland einem bilateralen Schiedsgericht überlassen wurde.

Inzwischen war die Präsidentschaft in den USA von Woodrow Wilson, der sich nur mühsam von einem Schlaganfall erholt hatte, an Warren G. Harding gewechselt.

Eisenbahnlinien und Kühlschränke

Zwar musste Präsident Woodrow Wilson, der das Land durch eine stürmische Zeit geführt hatte, das Gesetz der Prohibition unterschreiben, doch er tat dies eher widerwillig. Und zwar deshalb, weil er die bürgerlichen Rechte seiner Landsleute nicht beschneiden wollte. Doch das Veto des Präsidenten verpuffte und die Prohibition nahm in den USA ihren Lauf.

Es war das vorrangige Ziel der Befürworter dieser einschneidenden Maßnahme, das Konsumverhalten der Amerikaner zu verändern. Seit den Anfängen des 19. Jahrhunderts war der Genuss von Whiskey in den meisten Bundesstaaten in Mode gekommen.

Durch den Bau von Eisenbahnlinien wurden die Transportzeiten verkürzt, und als ein gewisser Ferdinand Carré eine Art Kühlschrank entwickelt hatte, blieb auch der von deutschen Bierbrauern importierte und in Amerika produzierte Gerstensaft haltbar.

Die Macht protestantischer Frauen

In der Mitte des 19. Jahrhunderts explodierten die Umsatzzahlen der großen amerikanischen Bier-Brauereien in New York, Cincinnati, St. Louis und Milwaukee, und nicht nur im damals noch „wilden“ Westen florierten in den Saloons die Geschäfte mit Alkohol und Glücksspielen.

Aber es gründeten sich auch Gegenbewegungen – allen voran durch die Organisationen protestantischer Frauen. Die Woman’s Christian Temperance Union entwickelte sich zu einer Meinungs-Macht in den Vereinigten Staaten.

Deren Mitglieder lehnten nicht nur den grassierenden Verbrauch von Alkohol ab sondern machten sich auch stark für ein Frauenwahlrecht in den USA. Beide Forderungen nach einer Korrektur der Gegebenheiten marschierten von nun an vereint.

Der „Napoleon der Mäßigkeit“

In der Folgezeit entschlossen sich immer mehr Bundesstaaten, ihren weiblichen Bürgerinnen den Gang zu den Wahlurnen zu gewähren. Gleichzeitig wurde der Konsum alkoholischer Getränke untersagt. Den Anfang dazu machte der Bundesstaat Maine schon im Jahr 1851.¹

Herstellung und Verkauf wurden verboten, und Neal Dow, der aus einer Quäker-Familie stammende Bürgermeister von Portland, genoss offenbar seinen Ruf als ein „Napoleon der Mäßigkeit“. Die Abstinenzbewegung in Amerika kam ins Rollen und teilte fortan das große Land in „trockene“ und „nasse“ Regionen. Hier und da stoppten allerdings die Gralshüter an den Oberen Gerichtshöfen diese Entwicklungen.

Gegen eigene Gesetze verstoßen

Historischen Statistiken zufolge konsumierte ein amerikanischer Mann im 19. Jahrhundert etwa dreimal soviel Alkohol wie in heutiger Zeit. Wesentliche Teile der Löhne eines Arbeiters verflüssigten sich in Form von Rum.

Der war in nahezu jedem Lebensmittelgeschäft der Vereinigten Staaten zu haben, wurde sogar auf Bürgersteigen in Wannen als Mixgetränk zubereitet und galt als ernsthafte Bedrohung für das moralische und wirtschaftliche Wohlergehen der Menschen in den Städten und Dörfern.

Besagter Bürgermeister Neal Dow verstieß im übrigen gegen seine eigenen Gesetze, als er eines Tages größere Mengen Alkohol bestellte und sie im Rathaus lagerte. Die öffentliche Meinung richtete sich gegen ihn und er verzichtete auf eine weitere Kandidatur.

Auswirkungen und Folgen

Billy Sunday und das „Ende der Welt“

Der 17. Januar 1920 war der erste Tag der landesweiten Prohibition, und für so manchen traditionell gläubigen Amerikaner war er ein Anlass zum Jubeln. Von der Kanzel seines Gotteshauses verkündete Billy Sunday, der nach seiner erfolgreichen Karriere als „Outfilder“ in der National League des Baseballs ein populärer Massenprediger wurde: „Die Herrschaft der Tränen ist vorbei…“

Er war bekannt dafür, in seinen Predigten schon mal mit Gebetsbüchern oder mit Stühlen um sich zu werfen und versprach seinen Gemeindemitgliedern nach Einführung der Prohibition: „Die Männer werden wieder aufrecht gehen und die Frauen werden wieder lächeln.“²

Als das Verbot von Herstellung, Verkauf, Transport, Einfuhr und Ausfuhr der „berauschenden Flüssigkeiten“ im Jahr 1933 aufgehoben wurde, war Billy Sunday davon überzeugt, dass das Ende der Welt bevor stünde.

Ein „Experiment“ und die Hintertür

Doch in diesen 13 Jahren befanden sich die Vereinigten Staaten laut Gesetz „auf dem Trockenen“. Die Politiker der USA gaben der Prohibition sogar ein Schlagwort: The Noble Experiment. Doch das „Ehrenhafte Experiment“ ließ wohl von Anfang an eine Hintertür offen, denn wer von einem Experiment spricht, der kalkuliert ein mögliches Scheitern mit ein.

Und ausgerechnet die Gruppe der Baptisten, die von der englischen Reformation beeinflusst war, stellte sich in Amerika an die Spitze der sogenannten Anti-Temperance-Societies, weil sie davon überzeugt war, dass Alkohol „eine Gabe Gottes“ sei. Auch jenseits des Atlantiks gab es Spötter und eine Ablehnung des strikten Alkoholverbots in Übersee.

Kein Geringer als Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, formulierte das so: „In Amerika will man jetzt den Menschen alle Reiz-, Rausch- und Genussmittel entziehen und übersättigt sie zur Entschädigung mit Gottesfurcht. Auf den Ausgang des Experiments braucht man nicht neugierig zu sein…“

Eine Nation der Gesetzesbrecher

Die Bewohner der amerikanischen Bundesstaaten waren während der Umsetzung des Verfassungszusatzes und der einschneidenden Maßnahmen ihrer Bürgerrechte kaum neugierig sondern erfinderisch. Viele dachten gar nicht daran, den Rhythmus ihres Lebens und die Gewohnheiten ihres Alltags zu ändern. Vielmehr wurden sie, streng genommen, binnen kürzester Zeit zu Gesetzesbrechern.

Das Wort von den „Flüsterkneipen“ nahm Einzug in den Sprachgebrauch der Amerikaner, denn die Menschen wussten sehr bald, in welchen Kneipen verbotenerweise der Schnaps zu haben war. Vor allem jene, die sich auf der Sonnenseite des Lebens wähnten, betrachteten die Prohibition keineswegs als Schikane, denn wer es sich leisten konnte, bediente sich am blühenden Schwarzmarkt. „Speakeasies“ oder „Blind pigs“ nannte man die Lokale mit Hintertüren und Luken voller Whiskey und Gin.

Die „besten Kunden“ des Al Capone

In einem der amerikanischen Nachbarstaaten rieben sich die Manager der Alkohol produzierenden Unternehmen sehr bald die Hände, denn der Schmuggel von Schnaps war von den Zollbehörden und angesichts der kaum zu kontrollierenden Grenzen nur schwerlich zu unterbinden.

Inoffiziellen Angaben zufolge soll der Export von Alkohol von Kanada in die USA zwischen 1923 und 1929 geradezu explodiert sein. Man spricht davon, dass in diesem Zeitraum rund 1,4 Millionen amerikanische Gallonen, also 5,3 Millionen Liter, dieser alkoholischen Getränke auf illegalem Wege über die Grenzen gelangten.

Es war die hohe Zeit der amerikanischen Gangster, und der legendäre Al Capone soll nach seiner Festnahme gegenüber einem Richter gesagt haben: „Leute wie Sie sind meine besten Kunden.“

Schmuggler auf verschwiegenen Pfaden

Die sogenannte „Trockenzeit“ ließ auch so manchen Polizisten in den USA vom Pfad der Tugend abweichen, denn immer wieder landeten Schmiergelder in den Briefkästen oder Taschen der Ordnungshüter. Jene Transporteure, die verschwiegene Wege über die Grenzflüsse oder über die Seen ausgekundschaftet hatten, wurden binnen kürzester Zeit zu Schmugglerkönigen.

Und die Konsumenten hatten sich schnell der veränderten Situation angepasst, klopften an Türen, nannten ein Codewort und durften sich auf einen feuchten und fröhlichen Abend in bester Gesellschaft freuen.

Aber es gab auch Schwarzbrenner, die den eingeführten Whiskey panschten und ihre Abnehmer damit ins Verderben stürzten. Lähmungen, Erblindungen und Funktionsstörungen des Gehirns waren häufig die fatalen Folgen. Es heißt, dass sich bereits bis 1927 etwa 50.000 Amerikaner mit billigem Fusel schädigten.

Die Reichen bedienten sich zu Hause

Den Befürwortern der Prohibition blieb der Verfall der guten Sitten in ihrem Land natürlich nicht verborgen. „König Alkohol“ beflügelte die Phantasien der Menschen und gab der Organisierten Kriminalität in den Vereinigten Staaten Auftrieb. Etliche Wirte machten aus ihren Verbindungen zur Unterwelt kein Geheimnis und die amerikanische Gesellschaft spaltete sich zusehends.

Auf der einen Seite waren die Reichen, die sich nach Belieben in ihren eigenen vier Wänden mit Alkohol bedienten, weil ja nach dem Verfassungszusatz nicht der Konsum sondern lediglich Herstellung, Transport und Verkauf von hochprozentigen Waren verboten war. Die Arbeiter suchten hingegen die „Flüsterkneipen“ auf, von denen es inzwischen allein in New York um die hunderttausend gab.³

Mit Beil und Bibel in den Saloon

Auch in den glamourösen Clubs der großen Städte war es im Laufe der Zeit üblich, dass sich ein Barkeeper mit einer über die Theke geschobenen Dollarnote überreden ließ, den Gästen alkoholischen Getränke zu kredenzen. Das war im Cotton Club in Haarlem so, wo der Jazz-Star Duke Ellington ein begeistertes Publikum fand. Und auch in den zahlreichen Kneipen von Manhattan und in den Hinterhöfen von Chicago.

Aber dies war auch die Zeit, die einige militante Abstinenzler ermutigte, gegen den illegalen Alkoholkonsum auf die Straßen zu gehen. Die prominenteste Verfechterin der Prohibition war eine ältere Dame namens Carrie Nation. Die kreuzte immer mal wieder in einer dieser Saloons auf, trug in der einen Hand eine Bibel und in der anderen Hand ein Beil, mit dem sie die Flaschen auf den Theken zertrümmerte. Sie ermunterte auch Frauen zu Demonstrationen in Kansas und Texas.

„Die feuchtesten Städte der USA“

Dreitausend Agenten leistete sich der Staat, um Recht und Ordnung in den Jahren der Prohibition aufrecht zu erhalten. Die meisten waren eher schlecht bezahlt und fast alle bei der amerikanischen Bevölkerung ziemlich unbeliebt.

Populär war hingegen das sogenannte „Moonshining“. Dahinter verbarg sich das Destillieren oder Brauen alkoholischer Getränke in Kellern und Hinterhöfen. Diesem einträglichen Geschäft gingen auch zahlreiche Farmer, unter anderem in den unwegsamen Gebirgen der Appalachen, nach.

Die Praxis der Whiskey-Produktion hatte vor allem in den Südstaaten einer langen Tradition und viele erblickten darin eine Art „Kulturgut“. Die „Moonshiners“ von Opelousas und Leonville erfreuten sich eines überregionalen Rufs, und in Zeiten der Prohibition galten Detroit und New Orleans als die „feuchtesten Städte der USA“.

Das Ende der Prohibition

Doch die staatlich verordnete Alkohol-Abstinenz ging im Amerika der frühen dreißiger Jahre mit der „Großen Depression“ und einem starken wirtschaftlichen Abschwung einher. In Meinungsumfragen bröckelte die Zustimmung der Prohibition erheblich, wovon letztlich der New Yorker Gouverneur Franklin D. Roosevelt beim Wahlkampf des Jahres 1932 profitierte.

Sein Votum war eindeutig: Abschaffung des 18. Zusatzartikels der Verfassung. Als im Februar 1933 das Repräsentantenhaus mit großer Mehrheit für das Ende der Prohibition stimmte, soll sich Präsident Roosevelt als erstes einen Dirty Martini genehmigt haben. Das Experiment der Enthaltsamkeit war gescheitert, nachdem auch der Bundesstaat Utah und damit die Heimat der gläubigen Mormomen, für die Aufhebung gestimmt hatten.

Amerika und der Alkohol heute

Die Prohibition ist ein Teil der amerikanischen Geschichte, doch die „Flüsterkneipen“ von einst sind geblieben. Die Gäste in den Bars von Manhattan schwelgen dort in alten Zeiten – auch wenn sie die nur vom Hörensagen kennen.

In den USA spielt heute der Alkohol zwar noch immer eine wichtige Rolle im Alltagsleben der Menschen, doch dessen Konsum ist nur noch im öffentlichen Raum – also auf Straßen, Parks, behördlichen Gebäuden oder Verkehrsmitteln – gesetzlich untersagt. An der Ostküste, in Baltimore, kann man sogar im Gefängnis landen, wenn man erwischt wird.

Wer sich bei einer Reise durch die USA einen Bourbon Whiskey oder einen Schoppen Wein aus dem Napa Valley genehmigen möchte, muss 21 Jahre alt sein. Im übrigen sind die Alkoholgesetze in Amerika von Staat zu Staat unterschiedlich. Heute hat der Kampf gegen Opioide in den USA allerdings eine größere Bedeutung als sie die Prohibition jemals erfuhr.

Quellen

  1. The Volstead Act
  2. Weg mit dem Teufelszeug!
  3. Zeitleiste zum Alkoholverbot in den USA

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