Marshallplan

Der Marshallplan - Amerikas Hilfe gegen Not und Elend in Europa

Plakatwand in West-Berlin Marshallplan, nach 1948 / Copyright User St.Krekeler on de.wikipedia / Public domain
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Am 5. Juni 1947 stand der amerikanische Außenminister George C. Marshall an der Peripherie von Bost am Rednerpult der Harvard-Universität, einer der traditionsreichsten „Denkfabriken“ der Welt. An diesem Tag präsentierte er den Marshallplan, offiziell European Recovery Programm (kurz ERP). Ein Konjunkturprogramm der USA, um das vom Krieg zerstörte Europa, wieder auf die Beine zu helfen.


Offizielles Logo des European Recovery Programs
Offizielles Logo des European Recovery Programs / Copyright: U.S. Government / Public domain

Mehrere Präsidenten der Vereinigten Staaten hatten sich in dieser Universität, die nach einem Pfarrer benannt wurde, den geistigen Schliff geholt, doch nun lauschten die Angehörigen einer neuen Generation den Worten des Außenministers.

Und der hatte Wichtiges zu verkünden, denn er forderte sein Land auf, die nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich am Abgrund vegetierenden europäischen Nationen unter die Arme zu greifen.

Es war die Geburtsstunde einer Initialzündung, die als Marshallplan in die Weltgeschichte einging. Diesem Wiederaufbauprogramm verdankte auch der amerikanische Kriegsgegner Deutschland sein späteres Wirtschaftswunder.

Der Marshallplan einfach erklärt

  • Der Marshallplan wurde nach dem damaligen US-Außenminister George C. Marshall benannt.
  • Die offizielle Bezeichnung lautet European Recovery Programm (kurz ERP)
  • Beim Marshallplan handelt es sich um ein von den USA entwickeltes Wirtschaftsförderungsprogramm (Konjunkturprogramm), das 1948 in Kraft trat.
  • Das Ziel des Marshallplan war der Wiederaufbau Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • Zwischen 1948 und 1952 investierte die USA insgesamt ca. 13 Milliarden Dollar in die europäischen Länder. Heute wären dies ca. 130 Milliarden Dollar oder 110 Milliarden Euro.
  • Darüber hinaus unterstützte die USA Europa auch mit Hilfsmitteln wie Nahrung, Medikamente oder Heizmittel.

Hintergründe und Entstehung des Marshallplan

Ein Plan und der Feind von gestern

Der General und Staatsmann George C. Marshall ließ vor den Studenten der Harvard-Universität in seiner Rede keinen Zweifel daran, dass der Marshallplan keineswegs ohne amerikanischen Eigennutz sei, denn dieses Programm war gleichbedeutend mit dem Wiedereintritt in eine funktionierende Weltwirtschaft nach den Tragödien des soeben beendeten Weltkrieges.

Von Subventionen für Deutschland und Österreich sprach der Außenminister nicht, doch fast alle im Auditorium wussten, dass Marshall auch den Feind von gestern in seine Überlegungen einbezog, denn eine erstarkte deutsche Industrie könnte auf Dauer einer der wichtigen Handelspartner der Amerikaner sein.

„Gegen Hunger, Armut und Chaos“

Dieser Marshallplan wurde zu einer Erfolgsgeschichte und beinhaltete das wichtigste Wirtschafts-Hilfsprogramm des 20. Jahrhunderts. In seiner zwölf Minuten währenden Rede formulierte der amerikanische Außenminister seine Vorstellungen sehr behutsam. Unter anderem sagte er: „Unsere Politik richtet sich nicht gegen andere Länder oder politische Lehren, sondern gegen Hunger, Armut, Verzweifelung und Chaos.“ Allerdings nannte er einige Voraussetzungen für die beabsichtigten Investitionen jenseits des Atlantiks.

Die nach den Zerstörungen des Weltkriegs am Boden liegenden europäischen Nationen müssten zunächst Pläne erarbeiten, um die Regierung der USA von ihren eigenen Initiativen zu überzeugen. Dann, so Marshall, werde die USA „freundliche Hilfestellung“ beim jeweiligen Aufbau leisten.

Der Sohn einer patriotischen Familie

George C. Marshall im Portrait
George C. Marshall im Portrait (Quelle: https://history.army.mil/books/wwii/csppp/frontispiece.htm#p1) / Public Domain

George C. Marshall war 66 Jahre alt, als er seine Ideen von einer wirtschaftlichen Konsolidierung Europas vor den Harvard-Studenten entwickelte. Er war in einer konservativ geprägten Umgebung in Pennsylvania aufgewachsen, galt während seiner jungen Jahre nicht unbedingt als begabter Schüler, empfand aber eine früh ausgeprägte Sympathie für das Studium geschichtlicher Zusammenhänge.

Die patriotische Gesinnung seiner Familie wird wohl zu seiner beruflichen Entwicklung beigetragen haben, denn Marshalls stellten im 19. Jahrhundert mit John Marshall einen der wegweisenden Juristen des Landes. Der war 35 Jahre lang Vorsitzender Richter am Supreme Court der Vereinigten Staaten und diente unter fünf Präsidenten.

Organisator der Rheinland-Besetzung

Doch George C. Marshall schwebte zunächst nicht unbedingt eine politische Laufbahn nach Abschluss seiner Schulzeit vor – er bewarb sich statt dessen erfolgreich am Virginia Military Institute in Lexington und wandelte dort auf den Spuren eines erfolgreichen Cousins, der im amerikanischen Bürgerkrieg an der Seite des legendären Generals Robert E. Lee kämpfte.

George sammelte hingegen Erfahrungen auf den zu diesen Zeiten sehr unruhigen Philippinen und profitierte später von seinen in Asien gesammelten Erfahrungen bei der Niederschlagung einer mexikanischen Revolte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Dessen Ende erlebte er im Befehlsstab von General John J. Pershing, der ihn mit der Organisation der amerikanischen Besetzung des Rheinlandes betraute. Das war für George C. Marshall der erste Schritt in die Welt der Politik.

Ein General mit fünf Sternen

Die sogenannte „Große Depression“ der Vereinigten Staaten in den dreißiger Jahren, die mit dem „Schwarzen Donnerstag“ und dem Börsencrash begann und das Land in eine schwere Wirtschaftskrise stürzte, war für George C. Marshall ein weiterer Meilenstein auf seiner Karriereleiter.

Es gelang ihm, in der Ära des Präsidenten Franklin D. Roosevelt, die amerikanische Wirtschaft wieder anzukurbeln. Im Zweiten Weltkrieg wurde er zum Fünf-Sterne-General befördert und war damit am Ziel seiner Wünsche angelangt.

Marshall war nunmehr Befehlshaber der größten Streitmacht, die die freie Welt jemals gesehen hatte, doch ins Gedächtnis der Geschichte gelangte er nachhaltig erst durch den nach ihm benannten Plan zur Gesundung der Wirtschaft in Westeuropa.

Ein Bollwerk gegen die Sowjetunion

Der Außenminister der Vereinigten Staaten war davon überzeugt, dass die Länder westlich von Oder und Neiße in einem absehbaren Zeitraum nur sehr mühsam die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg beseitigen könnten. Außerdem, so ließ Marshall durchblicken, sollten die Staaten des Westens ein wirtschaftliches Bollwerk gegen die Sowjetunion errichten.

Zwar hatten sich nach Ende der Kampfhandlungen die Vertreter der Siegermächte bei der Potsdamer Konferenz die Hände gereicht, doch der amerikanische Präsident Truman war mit einem gewissen Unbehagen heimgekehrt.

Jahre später formulierte er seine historische „Truman-Doktrin„, die nur ein Ziel kannte: Die nach seiner Auffassung offensichtlichen Expansionen des Kommunismus der sowjetischen Prägung aufzuhalten.

Die Ostgrenzen sollten geschützt werden

Der „Kalte Krieg“ hatte begonnen, und der Marshall Plan war in den Augen der amerikanischen Politik ein geeignetes Mittel, die Ostgrenzen der freien Welt zu schützen. Deshalb wollten die Vereinigten Staaten die Länder auf dem europäischen Kontinent bei ihrem Aufbauwillen unterstützen.

Denn, so Marshall in seiner bedeutenden Rede vor den Studenten der Harvard Universität, nur ein stabiles Europa könne in der Lage sein, die Bedrohungen aus dem Osten zu stoppen. Es sollten sehr bald Hilfsmaßnahmen anlaufen, um der notleidenden und auch hungernden Bevölkerung im weitgehend zerstörten Europa zu helfen.

Gleichzeitig verbanden die Amerikaner damit die Hoffnung, den wirtschaftlichen Einbruch der USA zu dämmen und sich künftige Absatzmärkte auf der anderen Seite des Atlantischen Ozeans zu sichern.

Umsetzung des Marshallplan

Der Kongress befand sich im Urlaub

Allerdings mussten die Amerikaner vor der Umsetzung ihres Marshallplans Überzeugungsarbeit im eigenen Lande leisten. Präsident Harry S. Truman war an einem dieser sommerlichen Tage des Jahres 1947 von der Panamerikanischen Konferenz aus Rio de Janeiro zurück gekehrt.

In der Zwischenzeit hatten sich die Maler am Weißen Haus von Washington bemüht, der Residenz zu neuem Glanz zu verhelfen. Und an der Wand des traditionsreichen Oval Office hing von nun an das Bild des jeweiligen Präsidenten.

Doch Truman musste die von ihm und von seinem Außenminister beabsichtigte Europahilfe durch den Kongress pauken. Aber deren Mitglieder hatten sich in den sommerlichen Urlaub verabschiedet, wodurch die Entwicklung ins Stocken geriet.

Programm mit 580 Millionen Dollar

Außerdem gab es wortgewaltige und einflussreiche Kritiker an den Plänen der Regierung. Zu denen zählte auch der einstige amerikanische Vizepräsident Henry Wallace, der den Hilfsplan für Europa heftig attackiert. Und damit auch Außenminister George C. Marshall. „In Zeiten des Friedens sollte die Außenpolitik unseres Landes nicht von einem General geleitet werden..,“ ließ er die amerikanischen Medien wissen.

Doch alle Anfeindungen verpufften und bis zum Dezember 1947 bewilligte der Kongress die Freigabe von 580 Millionen Dollar, um das Hilfsprogrogramm auf den Weg zu bringen. In erster Linie sollten die Gelder nach Frankreich, Italien und Österreich fließen, um dort die größte Not zu lindern.

16 Länder gründeten die OECD

Am 3. April 1948 unterzeichnete Präsident Truman das Marshallplan-Gesetz, das unter dem Namen „Foreign Assistance Act of 1948“ in die Geschichte einging. 13 Tage später gründeten 16 europäische Länder den Ausschuss für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit. Dies war der Vorläufer zur späteren OECD.

Zu den Ländern, die auf Hilfe hofften und sie auch bekamen, zählten unter anderem die Bundesrepublik Deutschland, Österreich, Frankreich, England, Dänemark, Italien, Belgien und die Niederlande.

Ursprünglich war beabsichtigt, auch die Not leidende Bevölkerung der unter dem kommunistischen Einfluss stehenden Länder des Ostens mit diesem amerikanischen Hilfspakets zu unterstützen, doch den jeweiligen Regierungen wurde die Annahme durch die Sowjetunion verboten.

Dazu zählte auch die Tschechoslowakei, obwohl sich das Land eine demokratische Grundordnung gegeben hatte und eher zum Westen als zum Osten tendierte.

Folgen und Auswirkungen des Marshallplan

Die Goldreserven einer Großmacht

Das gesamte Hilfsprogramm aus den USA belief sich bis zum Juni 1952 auf insgesamt 13,12 Milliarden Dollar, was einem heutigen Wert von fast 130 Milliarden Dollar entspricht.

Diese Investitionen waren nur möglich, weil die Vereinigten Staaten die einzige Großmacht waren, die den Zweiten Weltkrieg wirtschaftlich weitgehend unbeschadet überstanden und auf Goldreserven zurück greifen konnten.

Außerdem vertrat der demokratische Präsident Truman die Auffassung, die USA müssten sich ihrer weltpolitischen Bedeutung und Verantwortung stellen. Die soeben in San Francisco gegründeten Vereinten Nationen verstanden sich als Partner der USA bei den nun einsetzenden humanitären Maßnahmen im zerbombten Europa.

Im Widerspruch zum „Morgenthau-Plan“

Der Marshallplan stand mit seinem Geist und der Einbeziehung des Nachkriegs-Deutschland bei den Hilfsmaßnahmen im krassen Widerspruch zu der Forderung des in den Jahren des Zweiten Weltkriegs amtierenden amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau junior.

Dieser hatte im September 1944 in einer Denkschrift, dem legendären „Morgenthau-Plan“, die Teilung Deutschlands nach Kriegsende gefordert. Und außerdem die Demontage aller Industrieanlagen. Den Deutschen sollte damit ein neuer Krieg unmöglich gemacht werden.

Der Marshallplan zielte hingegen in eine andere Richtung, denn die Amerikaner hatten inzwischen verstanden, dass ein geächtetes und verarmtes Deutschland negative Signale zu allen anderen Ländern Europas senden würden.

Kreditanstalt für Wiederaufbau

Von den insgesamt knapp 13 Milliarden Dollar aus dem Marshallplan landeten etwa 1,4 Milliarden Dollar als Darlehensleistungen in Westdeutschland. Bis zum Jahr 1966 erfüllten die Regierungen der Bundesrepublik die amerikanischen Forderungen in Form von Tilgungen. Organisiert wurde das Hilfsprogramm in Deutschland durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt am Main.

Als einziger Staat, der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg von sowjetischen Truppen besetzt war, erhielt Österreich Mittel aus dem Marshallplan. Im Laufe der Jahre stabilisierte sich nicht nur der Alltag in Deutschland und Österreich. Vor allem das durch die Bombardements stark geschwächte England konnte die Staatspleite und eine drohende Inflation abwenden. Allerdings blieb das erhoffte Wirtschaftswunder auf der britischen Insel weitgehend aus.

Wirtschaftliche und politische Bedeutung für die USA

Historiker sind sich heute und mit dem geschichtlichen Abstand zu den Nachkriegsjahren in einem Punkt einig: Es war wohl ein kluger Schachzug des Präsidenten Harry S. Truman und seines Außenministers Marshall, den gigantischen Hilfsfonds ins Leben zu rufen. Denn dies waren letztlich auch Investitionen für die mehr und mehr dahin vegetierende Wirtschaft der Vereinigten Staaten.

Was von den Amerikanern in Europa gesät wurde, kam nach und nach als Ernte über den Atlantik zurück. Sehr früh erkannten die Politiker in Washington, dass ein wirtschaftlich starker europäischer Kontinent dem amerikanischen Export nützlich sein könnte.

Die Deutschen nahmen die Hilfe aus dem Westen allerdings dankbar an und verstanden sich seither als wichtiges Glied im Bündnis des Westens. Aber der Marshallplan ging auch als Attribut des Kalten Krieges in die Geschichtsbücher ein.

Häufige Fragen und Antworten

Was war der Marshallplan?

Mit dem Plan verbanden die Amerikaner die Hoffnung auf ein Wiedererstarken der europäischen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wann war der Marshallplan?

Am 3. April 1948 unterzeichnete Präsident Truman ein entsprechendes Gesetz. Abgewickelt wurden die Hilfsgelder bis zum Jahr 1952.

Welche Länder profitieren vom Marshallplan?

15 Länder wurden mit Hilfsgeldern durch den Marshallplan bedacht: Großbritannien, Frankreich, Italien, Bundesrepublik Deutschland, Niederlande, Österreich, Griechenland, Belgien/Luxemburg, Dänemark, Norwegen, Türkei, Jugoslawien, Irland, Schweden und Indonesien.

Welche Ziele hatte die USA mit dem Marshallplan?

Durch die Stärkung der wirtschaftlichen Leistungen europäischer Länder versprachen sich die Vereinigten Staaten eine Verbesserung ihrer Exporte. Der Marshallplan war also quasi einerseits humanitäre Hilfe für Europa und gleichzeitig Basis für zukünftigen Handel mit der europäischen Wirtschaft. Außerdem sollte eine Art Bollwerk gegen den Einflussbereich der Sowjetunion geschaffen werden und die Verbreitung des Kommunismus eingedämmt werden.

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